Faszientraining im Orientalischen Tanz – Teil 1

Das Fasziensystem in einer Orange - Foto: Pixabay

In dieser Reihe möchte ich dir einiges Wissen zum Thema Faszien sowie Übungen aus meinem Unterricht vorstellen.
Ich möchte mich dem Thema für Laien, die noch nichts bis nicht viel über Faszien gehört haben, verständlich nähern – immer im Hinblick auf unseren Tanz.  Es gibt mittlerweile sehr viel Literatur und viele Artikel über Faszien – ich beschränke mich hier auf das Wissen, das für die Übungen im Orientalischen Tanz im zweiten Teil dieser Artikelreihe relevant ist.

Was sind Faszien?

Als Faszien bezeichnet man alle kollagenen Bindegewebssstrukturen im Körper. Sie bilden feine Häute, umhüllen Muskeln, jedes Muskelfaserbündel und jede Muskelzelle. Sie können aber auch sehr dicke und feste Strukturen bilden. Sie bilden ein dreidimensionales Netz im Körper und verbinden Muskeln, Organe und Knochen. Sie bestehen zu fast 70% aus Wasser (viel Trinken, auch deinen Faszien zuliebe – ich kann es nicht oft genug im Unterricht sagen) und sind mit Sinnesrezeptoren und freien Nervenendigungen versehen.

Faszien dienen als Überträger und Speicher von Kräften – und das macht sie u.a. für unseren Tanz so interessant.

Ein schönes Bild liefert Stefan Andrecht in seinem Artikel zum Fasziensystem:

„Wann haben Sie das letzte Mal ganz ­bewusst eine Orange geschält? Schälen Sie mit diesem Fokus: Sie lösen die ­Schale der Orange ab (Haut) und entdecken darunter die erste weiße Schicht (Oberflächen­faszie). Wenn Sie die »Oberflächenfaszie« ablösen, kommen Sie an eine etwas dichtere Schicht (tiefe Faszie), die direkt in das weiße Gewebe übergeht, welches den Raum zwischen den Orangenschnitzen ausfüllt (Septen, Epimysium / Muskelhülle). Wenn Sie die einzelnen Schnitze öffnen, finden Sie kleine, dünn umhüllte »Minischnitze«, deren Hüllen wiederum aus demselben faserigen Material (Perimysium, Endomysium) bestehen.

Wenn Sie sich das weiße, faserige Gewebe der Orange dann noch drei­dimen­sional und wässrig-ölig wie Eiweiß nach dem Aufschlagen eines rohen Eies vorstellen, kommen Sie dem komplexen Bild im menschlichen Körper sehr nahe.“

Das Fasziensystem "in einer Orange" - Foto: Pixabay
Das Fasziensystem „in einer Orange“ – Foto: Pixabay

Die Dichte und Stabilität der Faszien sowie ihre Elastizität werden entscheidend durch die Häufigkeit und Intensität der Belastung (z.B. durch Training) bestimmt. Mögliche Gründe für den Verlust der Elastizität: Überbelastungen, Entzündung, Vernarbung, Nicht-Belastung bzw. Bewegungsmangel.
Altern, Bewegungsmangel, zu hohe oder zu einseitige Belastungen und Stress führen zu Dehydration. Das Gewebe verliert seine Elastizität, Regenerationsfähigkeit und Belastungsfähigkeit.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass degenerierte Faszien massive Schmerzen verursachen können.  Schmerzen im „Rücken“, in den „Gelenken“, „Verspannungen“ – die Wissenschaft vermutet, dass viele der Leiden unserer modernen Gesellschaft auf degeneriertes Fasziengewebe zurückgeführt werden können.
Spannend hierzu ist auf jeden Fall die Dokumentation von ARTE „Faszien – geheimnisvolle Welt unter der Haut“.

Die Elastizität der Faszien kann bis ins hohe Alter erhalten bleiben, wenn das Fasziensystem ausreichend mit Bewegung beansprucht wird. Ein Grund mehr, zu tanzen!

Die Faszien (und Muskeln) bilden Bahnen, die auf unterschiedlichen Wegen durch den gesamten Körper verlaufen. Diese zu kennen, hilft uns beim Training.

Oberflächliche myofasziale Leitbahnen - Rücken- und Frontallinie (Quelle: https://www.trainingsworld.com/sportmedizin/flossing-in-therapie-und-training-6512622)
Oberflächliche myofasziale Leitbahnen – Rücken- und Frontallinie (Quelle: https://www.trainingsworld.com/sportmedizin/flossing-in-therapie-und-training-6512622)
Oberflächliche myofasziale Leitbahnen - Lateral- und Spirallinie (Quelle: https://www.trainingsworld.com/sportmedizin/flossing-in-therapie-und-training-6512622)
Oberflächliche myofasziale Leitbahnen – Lateral- und Spirallinie (Quelle: https://www.trainingsworld.com/sportmedizin/flossing-in-therapie-und-training-6512622)

Die fünf Teilbereiche des Faszientrainings

Vielleicht hast du schon mal von der Faszienrolle gehört. Einen Kurs im Programm des örtlichen Sportvereins entdeckt oder vielleicht schon an einem solchen Kurs teilgenommen. Für viele beschränkt sich der explizite Umgang mit den Faszien auf genau diesen Teil des Faszientrainings. Es gibt aber noch so viel mehr, als Faszienrollen…

Rebound Elasticity

Mittels einer vorbereitenden Gegenbewegung (z.B. in die Knie Gehen vor einem Saidihüpfer) aktiviere ich die elastischen Fasern für die nachfolgende Bewegung. Die Faszien kontrahieren aktiv, Muskeln sind kaum oder gar nicht beteiligt. Wir nutzen die Energiespeicherkapazität der Faszien und erzeugen einen „Katapult-Effekt“.

Fascial Stretch

Langsame, schmelzende Dehnungen über die gesamten Ketten fördern die Zunahme an Schnellkraft und Gewebestabilität und stimulieren die lokalen und globalen Faszien-Vernetzungen.

Fascial Release und Hydration

Das klassische „Faszienrollen“ hat zum Ziel, die Flexibilität und Elastizität der Fasern zu steigern. Mit Rollen und Bällen wird das fasziale Gewebe wie ein Schwamm ausgepresst, um sich anschließend mit frischem Gewebewasser zu füllen.

Sensory Refinement

Mikrobewegungen, Spiralbewegungen und Vibrationsreize sprechen die Rezeptoren in den Faszien an. In diesem Faszientraining geht es um Fühlen und Wahrnehmen. Es verbessert die Körperwahrnehmung und steigert die Leistung.

Fascial Power

Langsam gehaltene, aber auch schnelle, dynamische Ganzkörperübungen sprechen die Ketten an – Krafttraining in langen Ketten.

Ausblick

Hast du diese Trainingsaspekte vielleicht schon in deinem Unterricht wiedererkannt? Achte die nächste Stunde mal darauf – Orientalischer Tanz ist Faszientraining pur!

Im zweiten Teil stelle ich dir Übungen aus und für den Orientalischen Tanzunterricht vor – die auf dem ersten Blick so gar nicht nach „langweiligem Faszientraining“ aussehen. Übungen, die du ganz leicht in dein Training oder deinen Unterricht integrieren kannst, mit deren Hilfe du noch einmal explizit das Fasziengewebe stimulierst und trainierst und anhand derer du deinen Teilnehmerinnen die Bedeutung der Faszien erläutern und sie sie erspüren lassen kannst.

Und zum Abschluss noch ein Zitat von Birgit, der Draufgängerin, das ich bei meiner Recherche entdeckt habe und dir nicht vorenthalten möchte:

„Bauchtanz ist hervorragend für deine Faszien. Kreisende, rollende Bewegungen, schnurrige Körperwellen bewegen auf sinnliche Weise. Die inneren Organe werden massiert. Und durch Tanzen drückst du deine Gefühle aus. Durch Bewegung löst du deine Faszien und deine unterdrückten Emotionen und verarbeitest sie im Tanz. Das Wackeln, Shimmy genannt, lässt die Faszien, die mit Flüssigkeit gefüllt sind vibrieren und Schlacken können sich lösen. Durch die bessere Durchblutung werden Schadstoffe schneller abtransportiert und die Zellen wieder versorgt.“