Schleierhaft

Der Schleier, mit das schönste Accessoire im Orientalischen Tanz, das in keiner Tanzroutine für westliches Publikum fehlen darf. Schülerinnen lieben ihn (die meisten), für manche ist es ein immerwährender Kampf, für andere ist er kaum händelbar (z.B., bei Schulterproblemen). Aber, ich glaube, einer Tänzerin beim gekonnten Umgang mit dem Schleier zuzusehen ist ein Augenschmaus für alle, oder?

Der Schleier ist, so schön und zart und lieblich er ausschaut, ein ganz gemeiner Geselle. Er macht sichtbarer, was ohne Schleier bei vielen Kursteilnehmerinnen schon nicht gut aussah: Arme und Hände.
Wo ich als Tänzerin vorher noch den Blick auf andere Körperteile lenken konnte, sei es durch das Kostüm oder den Tanzstil, wird bei einer längeren Passage mit dem Schleier (sofern ich ihn nicht ausschließlich als Dekoration nutze) der Fokus auf die obere Körperhälfte gebracht. Und hier kann ich dann ungelenke Arme, hochgezogene Schultern und fehlende Aufrichtung auf keinen Fall mehr verbergen. Der Schleier wirkt wie ein Brennglas.

Das macht ihn im Unterricht als Utensil aber auch so praktisch: Auch die Schülerinnen sehen jetzt, wenn etwas an ihrer Haltung nicht stimmt – der Schleier gibt ihnen ungeschöntes, visuelles Feedback. Wir können mit ihm Kraft, Haltung und Beweglichkeit spielerisch trainieren und lernen, ein Accessoire im Tanz einzusetzen. Da die meisten Frauen Schleier(n) lieben, weil´s einfach so schön aussieht, sind Motiviation und Spaßfaktor sehr hoch.

Damit das so bleibt, habe ich vier Tipps für Schleieranfängerinnen zusammengestellt.

1. Der Griff

So, wie die Haltung im Tanz bei den Füßen anfängt, fängt die Haltung des Schleiers bei den Händen an. Ängstlich zusammengepresste Finger (der Schleier könnte ja verloren gehen), Mäusehände (möglichst viele Finger sollen dabei helfen, den Schleier auch ja festzuhalten), unbewusste Unterbrechung des Energieflusses durch „Knicke“ in den Armen und Händen lassen manche Kursteilnehmerin wie eine erschöpfte Fledermaus aussehen, was selten dem Wunschbild der Teilnehmerin von sich selbst entsprechen dürfte.

Achte beim Halten des Schleiers darauf, dass du so wenige Finger wie möglich involvierst und das entspannt. Energie ist bis in die Fingerspitzen zu spüren, aber verkrampfe. Ein Zusammenpressen, um den Schleier richtig fest zu halten, bitte nur in Notfällen, falls er irgendwo hängenbleibt, oder du aus Versehen auf den Schleier trittst.
Produziere keinen „Knick“, indem du Finger oder Handgelenk stärker beugst. Versuche die Finger und die gesamte Hand „lang“ zu lassen.

Ich nutze den „Scherengriff“:

Er hat den Vorteil, dass ich den Daumen nicht zum Halten brauche (dabei wird die Hand oft gekrümmt, und ich empfinde die Spannung im Daumenballen als eher unangenehm), und zwei weitere Finger für den Tanz mit dem Doppelschleier übrig habe („Spock-Griff“ ;)):

"Spock-Griff"

2. Die Größe

Ich sehe häufig Frauen mit zu kleinen oder zu großen Schleiern, manche zu schwer oder für den Anfang zu leicht (wenn eine Einsteigerin mit dem Seidenschleier kämpft…).
Natürlich hängen Schleiergröße, -form und -material auch davon ab, was ich mit dem Schleier vorhabe und ausdrücken möchte, aber für einen durchschnittlichen, vielfach einsetzbaren Schleier zum Üben oder für den ersten (und folgende) Auftritt, empfehle ich einen Halbrundschleier aus nicht zu leichtem und nicht zu schwerem Material, das gerne ein klein bisschen steif sein darf, z.B., Glitzerchiffon. Gut ist es auch, wenn dein erster Schleier eine Borte (keine Pailletten oder Perlen!) besitzt. Dann lässt er sich auch „blind“ besser greifen und halten.

Spanne den Schleier beiden Händen hinter dem Rücken auf (bei einem Halbrundschleier gehört die gerade Seite nachoben, dort greifen wir die Kante). Strecke die Arme seitlich aus. Gib soviel Stoff nach, dass der Schleier bis ca. BH-Verschluss (eher tiefer) durchängt. Die übriggebliebenen Zipfel rechts und links deiner Hände sollten gleich lang und min. 20cm lang sein. Für Einsteigerinnen empfehle ich, dass die untere Schleierkante jetzt bis max. Mitte Wade geht.

Später spielt die Länge des Schleiers nach unten (er könnte auch den Boden berühren) oder seitlich keine so große Rolle mehr, die Tänzerin lernt, mit unterschiedlich großen Schleiern umzugehen.

Schleiermaße

3. Die Haltung

Beim Schleiern richte ich mit zusätzlich zur Grundhaltung im Orientalischen Tanz noch einmal mehr im Oberkörper auf (je nach Schleierbewegung). Die Arme strecke ich mehr (kein starres Durchstrecken oder Überstrecken) und halte sie mehr seitlich bzw. hinten und deutlich höher. Achte aber immer darauf, deine Schultern sinken zu lassen, ggf. aktiv nach unten zu schieben.

Kleiner Tipp: Da ich lange Arme habe, kann ich es mir erlauben, meine Handflächen nach „hinten fallen“ zu lassen, wenn ich die Arme über dem Kopf zusammenbringe. Das schafft Raum zwischen Schleier und Körper/Kopf).

Hände nach "hinten fallen lassen"

Sobald wir mit dem Schleier, den Armen und im Oberkörper arbeiten, neigen wir dazu in eine unkontrollierte Überstreckung unseres gesamten Körpers zu gehen: Viele Kursteilnehmerinnen strecken dann ihre Knie durch und verlassen die Grundhaltung im Becken (Hohlkreuz!). Bitte achte darauf, dass du geerdet bleibst. Oft verbinden wir die Schleierbewegungen mit Bauchtanzbewegungen – eine gesunden Haltung ist wichtig!

Deshalb unterrichte ich Schleiertanz erst dann, wenn die Gruppe in der Lage ist, die Grundhaltung auch dann beizubehalten, wenn wir die Arme im Tanz nach oben nehmen. Und natürlich kannst du genau das noch einmal mit einem Schleier üben.

4. Die Energie

Lass die Energie fließen. In den Armen, über deinen Oberkörper und auch zwischen den Händen. Halte diese Verbindungen. Ähnlich wie bei einer Wasserleitung führen „Knicke“ in Armen, Händen und Schultern zu Unterbrechungen dieses Flusses. Hoch- oder vorgezogene Schultern, gebeugte Ellbogen, abgeknickte Hände und Finger (Maus!) wirken störend, auch beim unbedarften Zuschauer. Weil sie den Fluss der Energie in deinem Körper, beim Tanzen stören. Und das nehmen die meisten Betrachter wahr. Meist können sie gar nicht genau sagen, was ihnen an einer Tänzerin nicht gefallen hat, aber wenn du genauer hinschaust, wirst du erkennen, dass oft „energetische“ Gründe dazu führen, dass uns die eine Tänzerin so gut gefällt und die andere weniger.
Ein schlaffer oder unkontrolliert auf dem Boden schleifender Schleier ist nur das Spiegelbild dieser „energielosen“ Situation.

Zum Schleiern gehört ein gewisses Selbstbewusstsein. Aber keine Angst, genau das lässt sich mit dem Schleier hervorragend trainieren!